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Alarmmanagement in Produktionsanlagen
Schadensverhütung in Anlagen mit Mitteln der Prozessleittechnik
Dr. Udo Enste, LeiKon GmbH, Herzogenrath
Zur Schadensverhütung werden in verfahrenstechnischen Produktionsanlagen
Messgeber genutzt, um anbahnende Probleme und nicht bestimmungsgemäße
Betriebszustände rechtzeitig erkennen zu können. Mit prozessleittechnischen
Systemen werden die Signale der Messgeber permanent auf unzulässige Über- oder
Unterschreitungen von Grenzwerten oder auch auf Steigungsverletzungen der
Signalverläufe überwacht. Resultat der Überwachung sind Meldungen oder Alarme, die Anlagenfahrer auf Probleme und damit auf einen Reaktionsbedarf in Form von grafischen Anzeigen an Beobachtungsbildschirmen in den Leitwarten und parallel in Form von akustischen Signalisierungen hinweisen.

Wird ein Alarm von einer Alarmquelle generiert, ist es die Aufgabe des
Anlagenfahrers, möglichst schnell die Alarmierungsinformationen zu analysieren, Situationseinschätzungen durchzuführen, das zukünftige Anlagen- und Prozessverhalten bei verschiedenen ihm bietenden Reaktionsmöglichkeiten
vorherzusehen und schließlich Aktionen für den Prozesseingriff durchzuführen.

Große verfahrenstechnische Anlagen in der Chemie, Hüttentechnik,
Kraftwerkstechnik oder auch in der Abwassertechnik umfassen nicht selten eine
Anzahl von 10.000 – 100.000 Messstellen pro Betrieb. In der Regel ist fast jeder
dieser Messstellen eine potentielle Alarmierungsquelle.
Auf Grund des Einzugs moderner Prozessleittechnik zur Steuerung und
Überwachung von Produktionsanlagen ist die Implementierung von Alarmen stark
vereinfacht worden. Das führt in den Betrieben mittlerweile jedoch dazu, dass die
Anlagenfahrer mit Alarmfluten, die zum Teil nutzlose oder eher unwichtige Alarme
enthalten, so beansprucht werden, dass eine korrekte und damit
schadensverhütende Reaktion kaum noch gewährleistet werden kann. Bis zu 2000
Alarme und Meldungen pro Tag sind in einer Leitzentrale keine Seltenheit. Die
Konsequenz ist, dass Anlagenfahrer zunehmend genervt über Alarmfluten sind, so
dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass Alarme von ihnen einfach quittiert
oder deaktiviert werden ohne eine Reaktion auf das Alarmereignis einzuleiten. Dabei
verlangen Alarme, die per Definition Meldungen von Abweichungen des Prozesses
oder der Anlage sind, normalerweise eine unverzügliche Reaktion des Bedieners.
Das Alarmproblem kann dabei pointiert so zusammengefasst werden: Alarmsysteme
sind oftmals am wenigsten effektiv, wenn sie am dringendsten gebraucht werden.
Das Alarmmanagement umfasst alle planerischen und operativen Tätigkeiten, die die
Wirksamkeit des Alarmwesens innerhalb eines Unternehmens bestimmen. Dazu
zählen:
- die Auslegung von Alarmen
- die Umsetzung und Dokumentation von Alarmierungsvorgaben in Alarmmeldesystemen
- die Alarmverarbeitung im operativen Betrieb
- die Alarmanalyse
- und das Änderungsmanagement für Alarmauslegungen innerhalb eines kontinuierlichen Validierungs- und Verbesserungsprozesses.
Ein gutes Alarmmanagement soll den Anlagenfahrern und den Betriebs-
verantwortlichen helfen:
- korrekt, das heißt rechtzeitig und zielorientiert auf abnormale Situationen zu reagieren
- Alarmfolgen nach abnormalen Situationen analysieren zu können, um damit zur
kontinuierlichen Verbesserung des Produktionsprozesses beitragen zu können.
Die EEMUA, ein internationales Konsortium von Anlagenbetreibern der
Prozessindustrie definiert folgenden Workflow zum Aufsetzen eines konsequenten, unternehmensweiten Alarmmanagements (s.[1]):

Alarm-Philosophie
Aufstellen von Grundregeln zur Auslegung und zum Umgang mit Alarmen. Resultat
sollte ein unternehmens-spezifischer „Masterplan” für Alarmidentifikation und -auslegung, Umgang im operativen Betrieb und im Engineeringprozess sein.
Alarm-Identifikation
Identifikation und Dokumentation nötiger Alarmierungsstellen/ -situationen (oft
Bestandteil einer Risikoanalyse) sowie Festlegung von Alarmgenerierungsarten.
Alarm-Auslegung
Festlegung von Freiheitsgraden der Alarmkonfiguration
gespiegelt an den Vorgaben der Alarmphilosophie.
Alarm-Implementierung
Implementierung der Alarme im Alarmierungssystem
(Prozessleitsystem) inkl. Umsetzung der
Benutzerinterfaces, der Signalisierung sowie des
Loggings von Alarmen.
Alarm-Analyse
Aufsetzen eines kontinuierlichen Analyseprozesses,
um Überlastungen von Anlagenfahrern prädiktiv zu
verhindern und geeignete Reaktionen in kritischen
Situationen besser unterstützen zu können.
Alarm-Rationalisierung
Verbesserungsmaßnahmen und Änderungsmanagement nach Vorgabe der Alarm-Philosophie durchführen.
Die Einführung eines systematischen und nachhaltigen Alarmmanagements in
Produktionsanlagen soll helfen, abnormale Prozess- und Anlagenzustände zu verringern sowie Anlagenfahrer zu entlasten und damit eine sicherere und
kosteneffektivere Produktion zu gewährleisten. Um diese Ziele zu erreichen, ist die
Senkung der Alarmfluten eine der dringendsten Aufgaben, die in den Betrieben
umgesetzt werden muss. Zielvorgaben dazu wurden von der EEMUA wie folgt
angegeben:

Zur Umsetzung eines geeigneten Alarmmanagements sind Richtlinien und
Empfehlungen unterschiedlichster Organisationen erarbeitet worden (s.
Literaturangaben). Den Verantwortlichen in den Betrieben muss klar sein, dass diese
Empfehlungen auch juristisch mittlerweile zum Wissen des „Stands der Technik“
gezählt werden und entsprechend nach Störfällen zur Beurteilung im Rahmen von
Ursachenanalysen und Ermittlung von Verantwortlichkeiten herangezogen werden
können.
Literatur:
[1] EEMUA Publication 191: Alarm Systems: A Guide to Design, Management
and Procurement.
[2] NAMUR Arbeitsblatt NA102: Alarm Management
[3] HSE Guidance: Better Alarm Handling
[4] VDS Merkblatt 2556: Sicherung von verfahrenstechnischen Anlagen mit Mitteln der Prozessleittechnik
Dr.-Ing. Udo Enste
LeiKon GmbH
Kaiserstr. 100
52134 Herzogenrath
www.leikon.de
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